
Als ich Baudelaires Text „ Der perfekte Flaneur“ zum erstmal las, hatte ich das Gefühl, der Text fasst genau das zusammen, was mich damals bewegte auf der Straße zu fotografieren. Es war kein Konzept, es war kein Thema, keine Story, die sich auf sechs oder acht Seiten entfalten konnte.
Der Flaneur bewegt sich in der Ungewissheit des nächsten Momentes. Viele Menschen ertragen diese Ungewissheit nicht und formen ein Gerüst, eine Struktur in deren Grenzen sie sich bewegen können. Der Vorteil davon ist, man kann alle Elemente benennen, die sich darin bewegen und kann sie in die bekannte Welt einordnen.
Nicht so beim Flaneur. Hier auszugsweise der Text Baudelaires:
Die Menge ist seine Domäne, wie die Luft die des Vogels ist, wie das Wasser das der Fische. Seine Leidenschaft und sein Beruf ist es, die Masse zu heiraten.
Für den perfekten Flaneur, für den leidenschaftlichen Betrachter ist es ein immenses Vergnügen, sich in der Zahl, im Wogenden, in der Bewegung, im Flüchtigen und Unendlichen niederzulassen. Fern von zu Hause sein und sich doch überall zu Hause fühlen; die Welt zu sehen, im Zentrum der Welt zu stehen und vor der Welt verborgen zu bleiben, das sind einige der geringsten Freuden dieser unabhängigen, leidenschaftlichen, unparteiischen Geister, die die Sprache nur ungeschickt definieren kann.
Der Betrachter ist ein Prinz, der überall sein Inkognito genießt. Der Liebhaber des Lebens macht die Welt zu seiner Familie, so wie der Liebhaber des schönen Geschlechts seine Familie aus all den gefundenen, gefundenen und unauffindbaren Schönheiten bildet; als Liebhaber von Gemälden in einer verzauberten Gesellschaft von auf Leinwand gemalten Träumen lebt. So gerät der Liebhaber des universellen Lebens in die Menge wie in ein riesiges Elektrizitätsreservoir.
Wir können ihn auch mit einem Spiegel vergleichen, der so groß ist wie diese Menge; zu einem mit Bewusstsein ausgestatteten Kaleidoskop, das mit jeder seiner Bewegungen das vielfältige Leben und die bewegende Anmut aller Elemente des Lebens repräsentiert. Es ist ein unersättliches Ich des Nicht-Ichs, das es in jedem Moment lebendiger macht und in Bildern ausdrückt als das Leben selbst, immer instabil und flüchtig.