Helfende Hände

„Wenn du da bist, bin ich immer reich“.

Else Lasker-Schülers poetische Worte gewinnen in den Fotografien von Harald Rumpf bildhafte Bedeutung. Die Auf­nahmen zeigen Partnerschaft im Alltag der Kinder, Jugendlichen und Erwachs­enen mit schweren Behinderungen: Wie sie miteinander und füreinander da sind. Wie ein Blick, ein Lächeln, eine Geste dem anderen Verständnis oder Zunei­gung signalisiert.

Sie zeigen Partnerschaft in vielen Situationen vor allem mit den Betreuern: helfende Hände beim Lernen, Erholen, Arbeiten, Feiern, Wohnen und Spielen. Betreute und Betreuer zu zweit bei Therapie und Pflege oder in der Gemein­schaft bei Unterhaltung und Musik, beim Essen und Ausflug.

In den von Harald Rumpf festgehaltenen Momenten „lebt“ das Leitbild des Vereins Helfende Hände. Seinem ver­ständnisvollen und einfühlsamen Blick ge­lingt die Übersetzung von Grund-Sätzen in Bilder. Einblicke schaffen so Einsichten. Bilder machen deutlich, wie die Betreuten zu einer möglichst großen Eigenständig­keit begleitet werden. Wie auf individuel­le Voraussetzungen, Ausdrucksweisen und Wünsche eingegangen wird. Wie persön­liche Entscheidungen respektiert werden und damit Selbstvertrauen wachsen kann. Wie sich im gemeinsamen Erleben und Tun vielfältige Zugänge nach außen und Kontakte zur Umwelt erschließen.

Die Aufnahmen lassen den umfassen­den Ansatz der Betreuung und Förderung erkennen. Mit Pädagogik, Therapie und fördernder Pflege, mit vielen Fach­disziplinen, mit enger Zusammenarbeit mit Eltern und Mitarbeitern immer in gegenseitiger Anerkennung werden ver­schiedene Ansätze der Betreuung wie auch Lebensbereiche integriert.

Auch wenn einzelne Bilder fast das Gewicht der Behinderung vergessen lassen, so drückt sich Harald Rumpf nicht davor, Grenzen und Probleme eines Lebens mit schwersten Behinderungen aufzuzeigen. Sein Blick hält nicht zu­letzt auch Abhängigkeit, Hilflosigkeit, Angst, Verschlossenheit und Absonde­rung wie auch Alleinsein fest. So wird erkennbar, daß der Wert des Lebens für die Gemeinschaft von Helfende Hände nicht einseitig auf Fortschritt und Wachstum ausgerichtet ist, son­dern auch die schmerzvollen Erfahr­ungen wie Stagnation, Rückschritt und Abschied angenommen und verarbei­tet werden.

Aus vielen Mosaiksteinen setzt der Fotograf ein ganzes Bild von Helfende Hände zusammen. Beteiligte können sich darin in ihrem Alltag besser erken­nen – Außenstehende können teilhaben an der anspruchsvollen Aufgabe von Helfende Hände, Partner für schwerst­behinderte Menschen durch das ganze Leben zu sein.

München, im April 1999

Dr. Karl Hohenadl

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