Einfach Sein

Von außen wirkt es wie ein Schloss: Das Hauptgebäude – mehr als 100 Meter lang – wird von einem ebenso imposanten Seitenflügel flankiert, die Fassade elegant sandfarben, hohe Fenster, hinter denen man Kristalllüster und Ballgeflüster vermutet. Doch von stau­biger Museumsluft oder königlicher Stille ist in der Bayerischen Landesschule für Körperbehinderte nichts zu spüren. Das ganze Haus lacht und gluckst, kreischt und quietscht, rumpelt und schep­pert. Gerade ist große Pause, und die Schüler lärmen, dass der ganze Bau hallt. ,,Fußgänger“ und Kinder mit Gehhilfen trollen durch die Flure, Rollstuhlfahrer kurven auf den Gängen, es wird gerempelt und gescherzt wie auf anderen Pausenhöfen auch. 330 Mädchen und Jungen zwischen 3 und 23 Jahren füllen das riesenhafte Gebäude energisch mit Leben.

Schon die Pausenszenen zeigen, wie lebendig es in der Landes­schule zugeht. Aber die Einrichtung will ihren Schützlingen mehr als nur eine schöne Schulzeit bieten. Alle Schüler sollen hier so gut es geht auf das Leben nach der Schule vorbereitet werden. Sich selbst versorgen, das eigene Leben gestalten, selbstbewusst auf andere, nichtbehinderte Menschen zugehen: das alles gehört quasi zum Stundenplan. Traumziel: später einmal eige­nes Geld verdienen.

Im Großraumbüro der Münchner Bürosortiment GmbH füllen elf Sachbearbeiter an ihren Computern Formulare aus, prüfen Be­stellungen, kontrollieren den Warenbestand, überweisen Rechnungen. Doch das Geld kommt nie an: Die Münchner Bürosortiment GmbH ist eine Übungsfirma, die Sachbearbeiter sind die Schüler der Berufsfachschule, die später einmal als Bürofachkraft arbeiten wollen. ,,Wir machen Geschäfte mit ande­ren Übungsfirmen in Bayern, die zum Beispiel Möbel oder Kantinenessen verkaufen“, sagt der 20-jährige Georgius Kouroupis. Etwas schüchtern wirkt er, wenn er auf seine Fußspitzen schaut, die Hände auf dem Rücken verschränkt. Doch wenn er von Lieferfristen und Transportproblemen der GmbH sprechen kann, wird seine Stimme ruhig und fest wie bei einem Profi. Georgius. ist wegen einer Herzkrankheit an der Landesschule. Obwohl die   Übernahmechancen für Bürokräfte in den vergangenen Jahren dramatisch gesunken sind, hat es Georgius geschafft: Demnächst kann er seine Ausbildung zum Bürokommunikationsfachmann bei der Postbank beginnen. Unter 87 Bewerbern wurde er ausgewählt. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht, und seine Augen strahlen.

Direktor Bert Mehler will allen Kindern die bestmögliche Förderung bieten, egal wie leicht oder schwer ihr Handicap ist. Der Grund­stock dafür wird oft schon im Kleinkindalter gelegt. In einem kunterbunten Zimmer mit roten Matratzen und einem Kugelbad ist die Schulvorbereitende Einrichtung (SVE) zu Hause. Vier schwerst-mehrfachbehinderte Kleinkinder lernen hier zuzuhören, stillzusitzen und mit anderen Kindern zu spielen. Johanna, vier Jahre, sitzt mit Gabriele Neuz am Tisch. ,,Die Johanna ist unsere Malerin“, sagt die Erzieherin und streicht dem Mädchen über den Kopf. Seit einer riskanten Operation haben sich die epileptischen Anfälle von Johanna gelegt. Sie kann mittlerweile an der Hand gehen oder kleine Bilder malen. Johannas blaue Augen strahlen, als Gabriele Neuz ihr den Pinsel gibt. Konzentriert tunkt sie ihn in die rote Farbe. Kraftvoll malt sie, unterstützt von der Erzieherin, eine Schablone aus. Sprechen kann das Mäd­chen mit der blonden Wuschelfrisur nicht. Doch als die Erzieherin sie fragt, ob sie noch einen Stern malen möchte, geht in Johannas Gesicht die Sonne auf.

„Geben und nehmen“ heißt eines der wichtigsten Prinzipien im Schulalltag. Ob ein Schüler die vielfältigen Angebote wie zum Beispiel Schwimmbad, Bibliothek, Lesekreis, Musikunterricht oder Malwerkstatt auch wahrnimmt, bleibt ihm selbst überlassen.

Hier wird keinem „hinterhergerannt“, um ihn an Termine zu erin­nern. Das fällt unter die Rubrik „Eigenständigkeit“, oder wie Internatsleiterin lrmgard Schneider sagen würde: ,,Tun müssen sie’s selber!“ Das gilt auch für die Rolliwerkstatt im Keller. Bis unter die Decke sind dort die Regale vollgestopft mit alten Schläuchen, Felgen, Flickzeug, Schrauben und Werkzeug. Es riecht nach Reifengummi. Jeden Dienstag ist „Sprechstunde“ bei Verena von Marschall. Wer einen Platten hat oder eine Extra-Anfertigung  braucht, dem wird geholfen.

Doch manchmal scheitert das: ,,Letzte Woche zum Beispiel stand der Benni am Montag mit großen Augen vor der Tür“, ärgert sich Verena von Marschall. Zur richtigen Sprechstundenzeit sei er dann aber nicht gekommen. ,,Also, ich lauf ihm nicht nach“, sagt die Rolli-Doktorin resolut. In der Werkstatt sollen die Schüler nach Möglichkeit selbst zu Schraubenzieher und Flickzeug greifen. Bei Sonderwünschen wird gemeinsam mit den Kranken­gymnasten und Therapeuten so lange getüftelt, bis jeder Schüler einen maßgefertigten und funktionellen Rollstuhl besitzt.

Heute geben Jan-Philipp, Astrid, Sandra und Christina eine Sonder­vorstellung. Alle vier gehören zur Projektgruppe „Magie“, die Lehrerin Uli Musäus vor sieben Jahren gegründet hat. Jan-Philipp, der im Rollstuhl sitzt und einen Sprachcomputer zur Verständigung benutzt, zeigt einen Schlüsseltrick. Akribisch faltet er einen Zehn-Euro-Schein zusammen, steckt ihn durch einen Schlitz in einen Plexiglas-Behälter und verschließt diesen mit einem Vorhänge­schloss. Jetzt schwenkt er das Glas mit großer Geste vor den Augen der Gäste: Da ist kein fauler Trick dabei, scheint er zu sagen. Dann legt er seinen Sprachcomputer auf den Tisch und tippt etwas ein. ,,Three“ sagt der Apparat blechern, und Jan-Philipp breitet drei identische Schlüssel vor dem Publikum aus.

Zwei Gäste dürfen je einen Schlüssel auswählen: ,,Sind sie wirklich sicher?“, scheint der Zauberer mit all seiner Gestik und Mimik zu fragen. Dann dürfen die Gäste ihre Schlüssel am Vor­hängeschloss ausprobieren – keiner passt. Jan-Philipp gluckst vor Vergnügen und haut dabei mit der flachen Hand auf die Tischplatte. Dann streckt er seinen Zeigefinger in die Luft und zieht die Augenbrauen hoch: Aufgepasst! Theatralisch nimmt er den letzten Schlüssel, dreht ihn im Schloss – und schon ist es offen.

„ Beim therapeutischen Zaubern ist eine Behinderung oft auch eine Chance“, sagt Zauberlehrerin Uli Musäus. Ein Blinder zum Bei-spiel beherrscht Tricks, die unter einem Tuch passieren, meist besser als sehende Zauberer, und ein Spastiker kann den ganzen Abend über ein Kartenspiel in der verkrümmten Hand verstecken, ohne dass jemand stutzig würde.

Geben und Nehmen, Fördern und Fordern: Ganz allgemein sind das die Ziele der Landesschule für Körperbehinderte. Die betreuten Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen aber sind es, die den Inhalt dieser Worte tagtäglich mit Sinn füllen – mit ihrem Lachen, ihren Ideen, ihren Eigenarten, mit ihrem Leben.

Susanne Peters

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